Herr S. und ich sind keine Kostverächter und Experimentierfreude zeichnet uns aus.
Weil wir nicht nur unserem “Stammchinesen” sondern auch anderen fremdländisch kochenden Restaurants in unserer Stadt eine Chance geben möchten und in der direkten Wohnumgebung vielleicht der beste Chinese der Welt seine Spezialitäten kocht, haben wir beschlossen, eine neue, nahe gelegene Lokalität zu testen.
Gesagt, getan. Auf den ersten Blick sind die Räumlichkeiten – nun ja, in Ordnung, immerhin getrennt in Raucher- und Nichtraucherzonen. Für ein nettes Abendessen zu zweit sind die Tische etwas zu groß geraten, eine größere Runde hat spielend am mit sauberen Tischdecken überzogenen aber sonst so gar nicht dekorierten Tisch Platz.
Es dauert nicht lange, bis der Kellner die Karte vorbeibringt, auch die Bestellung wird rasch aufgenommen. Das Servier-Timing unserer Speisen hätte nicht schlechter sein können – während die Ente Sezchuan schon vor sich hin kühlt und der Reis vertrocknet, sitze ich noch vor meinem leeren Schüsselchen und warte gespannt auf meinen gebratenen Reis mit Hühnerfleisch. Etliche viel zu lange Minuten später darf ich dann auch endlich zulangen. Ein Hindernis stellten die Stäbchen dar – nicht unsere fehlende Fähigkeit damit umzugehen, sondern die sich immer wieder abschälenden Holzspießchen, die die Nahrungsaufnahme zum Abenteuer machen.
Auch bei den Gerichten hat sich der Küchenchef in Sachen Dekoration keine Mühe gegeben (wer braucht schon solchen Schnickschnack) – diese Erkenntnis setzt sich nach dem ersten Bissen auch in der Zubereitung der Speisen fort. Herr S., seines Zeichens hochgeschätzter und gefürchteter Testesser, bestätigt meinen Eindruck. Nur schwerlich können wir uns die Vergleiche zu unserem Lieblings-Chinesen verkneifen – stehen doch Welten zwischen diesen beiden Lokalitäten.
Tapfer essen wir auf, bei der erstbesten Gelegenheit stehen wir auf und rennen ohne bezahlt zu haben aus dem Lokal äußern wir den Wunsch zu zahlen, der uns auch gleich erfüllt wird. Nach dem Verzehr der Speisen und bezahlter Rechnung werden wir auch nicht mit einem Stamperl warmen Sake besänftigt belohnt.
Wir sind uns mehr als einig: diesem Restaurant statten wir eventuell in 5-10 Jahren wieder einen Besuch ab, nur um zu überprüfen, ob es noch immer nicht schmeckt, aber kein Jahr früher.
Und das nächste Mal investieren wir wieder die paar Cent für den Hinweg in die öffentlichen Verkehrsmittel. Der Verdauungsspaziergang zurück wird ein wunderbarer sein, da das Essen einfach hervorragend geschmeckt haben wird.
